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Der Siegeszug des Telefons und seiner Ableger (Fax, Modem, ISDN-Karte, ...) ist auch 120
Jahre nach der Erfindung des "Fernsprechens" längst noch nicht abgeschlossen.
Das frühere Einheitstelefon ist einer unübersehbaren Gerätepalette und vielfachen
Anwendungsmöglichkeiten gewichen - und Vielfalt gibt es ab dem 1. Januar I998 auch bei
den Anbietern. Mit dem Fall des Monopols der Telekom sind die Zeiten der
"Fernsprechordnung" endgültig vorbei. Ganz anders erlebte die heutige
Großelterngeneration das Phänomen Telefon. Damals fristete der schlichte Kasten an der
Dielenwand ein relativ unbeachtetes Dasein. Ein Ferngespräch wurde oft lange im voraus
geplant und sorgfältig auf seine Notwendigkeit hin überprüft. Das Telefonieren empfand
man als Ausnahmesituation, die es schnell wieder zu beenden galt. Obwohl für
Ortsgespräche noch kein Zeittakt existierte, beschränkte sich der Anrufende meist auf
die reine Mitteilung. Zur Darstellung der seelischen Befindlichkeit schien der
"Fernsprecher", wie er damals amtlich hieß, ungeeignet. Zum
Kommunikationszentrum avancierte die Diele gelegentlich, wenn der telefonlose Nachbar den
Arzt rufen mußte oder die Verwandten kurzfristig ihren Besuch absagten.
Wie bei kaum einer anderen technischen Erfindung streiten sich die Fachleute über die
eigentliche Urheberschaft dieses Kommunikationsmittels. Zwei Namen rangieren
nebeneinander:
- Zeitlich gesehen hat Philipp Reis die Nase vorn. Bereits am 26. Oktober 1861 hält er im
Frankfurter Senckenberg-Museum einen Vortrag mit dem Thema "Über die Fortpflanzung
musikalischer Töne auf beliebige Entfernung durch Vermittlung des galvanischen
Stromes". Eine vorausgegangene Demonstration hatte nicht den gewünschten Erfolg
gezeigt. Bei Übermittlungsversuchen unter den Augen eines fachkundigen Publikums
schlichen sich erhebliche Fehler ein. So versteht Reis anstelle des berühmten unsinnigen
Testsatzes: "Das Pferd frißt keinen Gurkensalat" nur "Das Pferd
frißt". Allerdings existieren dazu die verschiedensten Versionen.
Mit welch "primitiven" Mitteln Reis damals arbeitete, mag die Schwimmblase eines
großen Störs zeigen, die ihm als Membran diente. Auf ihr hatte er ein Platinstück
befestigt, das selbst wieder federnd auf einem Metallstreifen ruhte. Je nach
Schwingungszustand der Membran kam es zur intermittierenden (wechselnden, pulsierenden)
Berührung der beiden Metallteile und damit zum Fließen oder zur Unterbrechung des
Stromes. Sprache konnte damit aber nur dann verständlich übertragen werden, wenn die
Einstellung des Apparates exakt so war, daß keine Unterbrechungen eintraten, sondern der
Berührungsdruck den Stromfluß gleichsam "modulierte". Nur so konnten
wellenförmige Ströme entstehen, die Schallwellen reproduzierten. Dem Lehrer für Chemie
und Physik gelang es in den Folgejahren nicht, seine Erfindung wesentlich
weiterzuentwickeln. Er starb nahezu vergessen 1874 an Tuberkulose.
- Seit Mitte der 70er Jahre experimentierte dann Alexander Graham Bell an einem ähnlichen
Projekt, wobei bis heute das Maß der Anlehnung an Reis umstritten ist. Bell, 1847 in
Edinburgh (Schottland) geboren, war zunächst nach Kanada ausgewandert. Später lebte er
in Boston (USA). Nach einer Reihe von Mißerfolgen präsentierte der ehemalige
Taubstummenlehrer dem Publikum seine verbesserte Versuchsanordnung. Bell verläßt sich
auf die Induktionsgesetze: bei ihm wird Stückchen Metall, das er auf seine
Mikrofon-Membran geklebt hatte, durch die Schallwellen vor einem Elektromagneten hin und
herbewegt. Dadurch werden Wechselströme in den Magnetspulen induziert, die genau den
Schallwellen entsprechen. Ein Topfelektromagnet, dessen Anker konform schwingt, dient als
Hörer.
Viel Detailarbeit hatte den Durchbruch gebracht. Am 14. Februar 1876 läßt Bell seine
Erfindung patentieren. Genau zwei Stunden nach Bell meldet sich in gleicher Sache ein
anderer Amerikaner beim Patentamt: Elisha Gray. Zu spät, um am Erfinderruhm teilzuhaben.
Doch Bell sollte über seine Erfindung zunächst nicht recht froh werden. In mehreren
Prozessen mußte er sich des Vorwurfs erwehren, die Reissche Entwicklungen an sich
gerissen zu haben, doch entschieden die US-Gerichte letztlich zu seinen Gunsten.
Weitere Telefonpioniere waren dann David Edward Hughes, Thomas Alva Edison,
Generalpostmeister Stephan und Werner von Siemens. Erst das Kohlemikrophon von Hughes
machte das Telefon wirklich gebrauchsfähig.
Mit 48 "Teilnehmer" geht es 1881 in Berlin mit dem
Telefonieren los.
| Ein besonderes Kapitel der Sozialgeschichte schreibt dann in den frühen
Jahren der Telekommunikation das sogenannte "Fräulein vom Amt". An den
Klappenschränken, die hießen so, weil das Fallen einer Klappe einen Anruf signalisierte,
saßen allerdings zunächst schnauzbärtige "Vermittlungsbeamte", die mit viel
obrigkeitsstaatlichem Gehabe agierten. Sie wurden erst Ende der 80er Jahre durch junge
Frauen ersetzt. Reizvoll die Überlegung, daß man in der damals von Männern dominierten
Gesellschaft ausgerechnet Frauen die Bedienung dieser modernen Technik anvertraute. Die
Verantwortlichen hielten sie für diese Aufgabe besonders geeignet. Ein
Unterstaatssekretär begründete das so: "Weil durch die höhere Stimmlage des
weiblichen Organs die Fräuleins leichter verständlich sind und weil der Teilnehmer
friedlich wird, wenn ihm aus dem Telephon eine Frauenstimme entgegentönt." Aus
heutiger Sicht unfaßbar, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Postbehörde damals in das
Privatleben der jungen Beamtinnen eingriff, um sie völlig an den Beruf zu binden. Man
verlangte beispielsweise von den jungen Frauen das Einholen einer Heiratserlaubnis,
prinzipiell glaubte man sogar, daß berufliche Tätigkeit und Ehe unvereinbar seien. Erst
in der Weimarer Republik verbot Artikel 128 ausdrücklich diese berufliche
Diskriminierung: "Alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte werden
beseitigt", heißt es dort. Als großen Fortschritt empfand man die Einführung von
Glühlampen anstelle der Klappen. |
 "Fernschrank M00" (um 1900) |
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 Fernsprechamt um 1920 |
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Trotz der sich rasch verbessernden Technik sorgten die stark steigenden
Teilnehmerzahlen für eine immer hektischere Atmosphäre in den Vermittlungsämtern. Schon
bald entstand in den Köpfen der Verantwortlichen der Wunsch, aus Kostengründen den
Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Um die Erfindung der ersten automatischen
Vermittlungseinrichtung rankt sich eine berühmte Anekdote. Aus Ärger darüber, daß ein
"Fräulein vom Amt" bei Todesfällen immer ein konkurrierendes Unternehmen
empfahl, machte sich der amerikanische Bestattungsunternehmer Strowger daran, eine
selbsttätige Vermittlung für Telefongespräche zu entwickeln. 1892 wurde das erste
Gespräch in den USA automatisch vermittelt. In Deutschland beauftragte man die in Berlin
und Karlsruhe ansässige Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik mit der Entwicklung eines
Strowger-Wählers. Gleichzeitig weitete Siemens die Apparateproduktion gewaltig aus.
Bereits 1908 ging die erste Ortsvermittlung in Hildesheim in Betrieb. Allerdings schmorten
am ersten Tag alle Sicherungen durch, |
| weil alle Hildesheimer Telefonkunden die wundersame Einrichtung gleich
ausprobieren wollten. Ganz vorne liegt dann Bayern mit dem ersten Selbstwählferndienst.
1923 können die Weilheimer schon etliche Ortsnetze per Selbstwahl erreichen. Die
Handvermittlung blieb allerdings noch viele Jahre insbesondere bei Fernverbindungen
erhalten. So gab es in der Bundesrepublik anfangs 451 handvermittelnde Fernämter, aber
auch Ortsnetze wurden lange per Hand bedient. Machte das "Fräulein vom Amt"
Feierabend, dann konnte auch nicht mehr telefoniert werden. So einfach war das damals. |
Erst automatisch, dann digital: 1966 wurde in Uetze bei Hannover das letzte Ortsnetz
der Bundesrepublik automatisiert. Auf dem Gebiet der neuen Bundesländer gab es allerdings
in Potsdam noch bis November 1994 ein "Fräulein vom Amt". Die vorerst letzte
Stufe der Vermittlungstechnik begann Mitte der 80er Jahre im 20. Jahrhundert mit der
Digitalisierung der Ortsnetze. Damit eng verbunden ist die Einführung des digitalen
Netzsystems ISDN ("lntegrated Services Digital Network"). Zunächst wurden die
alten mechanischen Einrichtungen durch Vermittlungscomputer ersetzt. In solchen Gebäuden
herrscht Totenstille und doch arbeiten die neuen elektronischen Vermittlungsapparate
schneller, fleißiger und gründlicher. Sie protokollieren zudem penibel alle Daten einer
Verbindung und kennen die Nummer von Anrufer und Angerufenem. Nicht umsonst stritten sich
Telekom und Datenschützer heftig über die Frage, wie lange der Computer in der
Vermittlung etwas in seinem elektronischen Gedächtnis behalten durfte. Bis Anfang 1998
werden alle Ortsvermittlungen digital arbeiten. Ohne digitales Endgerät merkt der
Teilnehmer allerdings nicht viel von dieser Umstellung - sieht man von einigen nun
möglichen Serviceleistungen einmal ab. So richtig digital wie bei den mobilen Funknetzen
wird es aber erst, wenn man per ISDN und entsprechenden Endgeräten mit seinen Partnern
kommuniziert. Dann laufen nicht mehr störanfällige, modulierte Ströme durch die Kabel,
sondern binäre Impulse übertragen die Nachricht als Zahlenfolge. Da jede Information
gleichsam eine Art elektronisches "Halsband" als Kennzeichnung trägt, können
auf einer Leitung mehrere Informationsstränge gleichzeitig übertragen werden, ganz zu
schweigen von der viel höheren Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit.
Sein Monopol als Datenübermittler hat das Telefon längst verloren.
"Multimedia" heißt die neue Zauberformel. Inzwischen werden parallel zum
Telefon Radio- und Fernsehprogramme per Kabel übertragen werden können. Bildgespräche
von höchster Qualität werden möglich oder ständiger Datenaustausch mit allen denkbaren
Institutionen. Auch die gute alte mit papierenen Büchern bestückte Bibliothek könnte
technisch bald der Vergangenheit angehören. Statt sich in die Ausleihstelle zu begeben,
holt sich der Leser per Datenautobahn alle gewünschten Informationen auf den Bildschirm.
Die andere Seite: Weltweit hat nur jeder dritte Haushalt Telefon
Obwohl es heute technisch möglich ist, von praktisch jedem Fleck der Erde an einen
anderen zu telefonieren, hat nur jeder dritte der rund 1,5 Milliarden Haushalte weltweit
einen Telefonanschluß. Mindestens 42 Millionen Menschen warteten 1996 auf einen
Anschluß, in mehr als 50 Ländern gibt es weniger als ein Telefon für 100 Einwohner.
Diese Zahlen nennt die Internationale Fernmeldeunion der Vereinten Nationen (ITU) in ihren Bericht über die Entwicklung der weltweiten
Telekommunikation, der Mitte März 1998 in Genf veröffentlicht wurde (Quelle: dpa).
Die ITU schlägt als Ziel vor, bis zum Jahr 2010 in den Entwicklungsländern für je
zehn Einwohner eine Telefonleitung zu haben und damit mehr als die Hälfte aller Haushalte
mit einem Anschluß zu versorgen. Die Fernmeldeunion hat den Zugang zu
Kommunikationsmitteln als grundlegendes Menschenrecht definiert. Der ITU-Bericht
informiert auch über Fortschritte bei dem Bemühen, allen Menschen Zugang zu
öffentlichen Kommunikationsmitteln zu ermöglichen. Durch Privatisierung der Industrie
erhöhe sich die Zahl der Telefonteilnehmer, schreibt die ITU. So seien in manchen
Ländern Lizenzen zum Bau von Telefonleitungen in abgelegenen Gebieten vergeben worden. In
anderen seien die Lizenznehmer zum Ausbau des Netzes verpflichtet worden. In vielen
Regionen seien die Einnahmen aber zu gering, um die Kosten für Telefonleitungen in
abgelegene Gegenden zu rechtfertigen, schreibt die ITU.
Mobiltelefon eigneten sich nur bedingt, um mehr Menschen einen Anschluß zur Verfügung zu
stellen. "Die Kosten sind das größte Hindernis, warum Mobiltelefone in
Entwicklungsländern keine echte Alternative sind", schreibt die ITU.
Viele Länder versuchten inzwischen, den Menschen wenigstens in Reichweite ein
öffentliches Telefon zur Verfügung zustellen. In Südafrika läuft ein Projekt, Familien
mit E-Mail-Adressen auszustatten. Der Zugang erfolgt vom lokalen Postamt mit Internet-
Anschluß.
Quellenangaben:
- Postmuseum Frankfurt / Main
- "Fräulein vom Amt" von Helmut Gold und Annette Koch
- dpa
Im AEC-WEB gibt es eine ständig
wachsende Sammlung von Beiträgen zum Thema INTERNET und
Architekten.
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